"...weltweit anerkannte Anwältin für Benachteiligte..." Die Kinder des 26. April Sie kamen aus Tschernobyl nach
Deutschland. Ein Buch erzählt ihre Geschichte
Nein,
ein Erinnerungsdatum, das sich in unser Bewußtsein eingeprägt
hat, ist der 26. April 1986 gewiß nicht: kein Tag wie der 6. und
der 9. August 1945, als die Bomben "Little Boy'" und "Fat
Man" über Hiroshima und Nagasaki gezündet wurden. Den
Atompilz haben wir vor Augen, das Innere des Kernkraftwerks von Tschernobyl
nicht. Wir sehen die Fliegen auf den Zungen der Sterbenden, die Narbenwucherungen
am Rücken der Opfer von Hiroshima – aber wie sahen die weißrussischen
Techniker aus, die Liquidatorcn, die den Reaktor in einen Sarkophag
aus Beton und Stahl einhüllen mußten und elendig starben?
Und die zwei Millionen, verseucht und fürs Leben gezeichnet: wer
erinnert sich ihrer mit der gleichen Anschaulichkeit wie der Menschen
in den Massengräbern? Und dann die Kinder, geborene und ungeborene,
die verurteilt worden sind, nach dem 26. April, als seien sie schuldig! |
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Erika Schuchardt / Lew Kopelew: "Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl - Geschichte einer stillen Revolution"; Herder, Freiburg/Basel/Wien 1995; 189 S., 8,40 Euro |
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"...der Mensch im Mittelpunkt ihrer Arbeit..." Laudatio zur Buchpräsentation "Die
Stimmen der Kinder von Tschernobyl"
"Überall wo ich auch war, hatte ich ein Bild, nein, viele Bilder, eine ganze Fülle von Bildern. Diese Bilder trage ich in meiner Seele wie in einem Traum. Wissen Sie, ich glaube, ich kann es jetzt so sagen: Aus den Tränen ist ein Traum geworden. " Was sind das für Bilder? Was sind das für Tränen? Was ist das für ein Traum? Sie, sehr verehrte Frau Professor Schuchardt, berichten in eindrücklicher Weise von den Betroffenen der Katastrophe vom 26. April l986. Das ist fast auf den Monat 10 Jahre her, und auch aus diesem Anlass findet heute diese Premiere statt. Ich möchte Sie im Namen des Verlages und meiner Mitarbeiter ganz, ganz besonders herzlich begrüßen und freue mich, dass wir heute gemeinsam dieses Werk vorstellen können. Ich darf Sie, sehr verehrte Frau Präsidentin des Bundestages, liebe Frau SÜSSMUTH, sehr herzlich begrüßen, ebenso Sie, Herr DR. SCHÄUBLE, verbunden mit dem Dank dafür, dass Sie sich beide die Zeit genommen haben, hier zu uns zu kommen und damit Ihr persönliches Interesse an diesem Werk und an den dahinterstehenden Ereignissen zum Ausdruck zu bringen. Sie identifizieren sich durch Ihre Anwesenheit mit dem Anliegen, das Frau Professor SCHUCHARDT stellvertretend für viele, viele Helferinnen und Helfer formuliert hat und nachher persönlich noch vortragen kann. In dem Vorwort zu dem Bändchen, das kein Geringerer als der Russe KOPELEW geschrieben hat, der zu unserem ganz großen Bedauern gestern Abend mitteilen musste, dass er aus gesundheitlichen Gründen sich außerstande sähe zu kommen; er wäre sehr gerne heute hier mit anwesend, schreibt KOPELEW unter anderem, dass „das Werk einen lyrischen Charakter hat. Es sei wissenschaftlich, es sei leidenschaftlich geschrieben, es sei publizistisch verfasst", aber "lyrisch"? frage ich. Wer dieses Buch liest, der wird bestätigen, dass das eine das andere nicht ausschließt. Das eine ist die präzise wissenschaftliche Darstellung und die Arbeit, die dieser Ausarbeitung zugrunde liegt, das andere die einfühlsame Art und Weise, in der die Autorin dieses Werk niedergeschrieben hat. Wer sich die Mühe macht, die umfängliche Liste Ihrer wissenschaftlichen Publikationen durchzugehen, Frau Professor SCHUCHARDT, der spürt sofort, die Verfasserin ist mehr als nur Wissenschaftlerin. Hier steht der Mensch im Mittelpunkt Ihrer Arbeit. Der Mensch steht im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Forschens und Lehrens, aber nicht nur im Bereich der Wissenschaft, sondern er steht auch im Mittelpunkt Ihres menschlichen Handelns. Und darum ist diese Publikation gekennzeichnet nicht nur durch die wissenschaftliche Korrektheit, sondern durch die Sprache des Menschen. Und zwar die Sprache des einfachen Menschen. Und die Sprache des einfachen Menschen ist die Sprache der Bilder. Der Umgang mit den Bildern ist für die Autorin von großer Bedeutung, das spürt der Leser gleich auf den ersten Seiten. Und ich bin überzeugt, nach der Lektüre des Manuskriptes und jetzt des vorliegenden Buches, dieser Umgang hat die Autorin auch hellsichtiger gemacht. Sie, verehrte Frau Schuchardt, schärfen die Aufmerksamkeit des Lesers durch die Art und Weise, wie Sie schreiben. Ich gestehe vor diesem Forum interessierter und anderer teilnehmender Anwesender gerne, dass mir durch Ihre Publikation einiges deutlich geworden ist. Wenn Sie mir erlauben und wenn der Herr Politiker erlaubt, dass ich ein paar Minuten länger spreche, dann möchte ich das gerne ausführen. Sie zitieren an einer Stelle EINSTEIN, der gesagt hat: Durch die Katastrophe der Atombombe - er bezog sich auf Hiroshima und Nagasaki - habe der Mensch erkannt, dass er an die Grenze des Machbaren gekommen ist. Ich würde das gerne um einen weiteren Aspekt ergänzen. Der Mensch erkennt, dass er an der Grenze des Machbaren ist, aber er lässt nicht vom Machbaren. Das ist eine Urbestimmung und eine Grundbestimmung des Menschen.
Ich erinnere daran, dass PROMETHEUS die Menschen im Dunkeln sah. Auch das Wort dunkel wiederholt sich ständig in Ihrer Publikation. Dass er sich erbarmte dieser Menschen im Dunkeln, und dass er ihnen das Feuer gab. Die Griechen wussten sehr genau, dass der Raub einer Gabe nicht umsonst geschehen war. Der Tätige ist im Falle von PROMETHEUS Selbstversorger. Denn er wurde, wie wir wissen, angekettet an den Felsen des Kaukasus, und ein Adler kam täglich, um ihm seine Leber zu fressen. Heute in TSCHERNOBYL leidet nicht
der Täter, der Titan, sondern es leiden die Unschuldigen. Und
die Ich darf schließen mit einem Zitat, das stellvertretend stehen möge für Ihre Gesinnung, für Ihre Arbeit und für Ihre Publikation: Ein Kind, diesmal aus Deutschland, ein Kind von Gasteltern, die ein solches Kind aus Tschernobyl aufgenommen haben, sagt: „Tschernobyl, das
ist für mich Tatjana und Und wie wir, die wir nach schlechtem
Wetter gelegentlich den Regenbogen sehen, wissen, das
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"...Schuchardts Tschernobyl-Stimmen - Mahnung gegen das Vergessen..." Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Lev Kopelew, Bonn 1995
Gedächtnisverlust bei einem einzelnen Menschen ist eine schwer heilbare Krankheit, Amnesie, ein Unglück für den Betroffenen und für seine Angehörigen. Gedächtnisverlust eines Volkes, Amnesie einer Nation, deren politische Leiter, Journalisten, Pädagogen ihre Vergangenheit vergessen, aus welchen Gründen auch immer, verdrängen oder verzerren, bedeutet eine äußerste Gefahr für die Betroffenen, für deren Landsleute und Nachbarvölker. Tschernobyl ist ein mahnendes Zeichen, es verkündet ein neues Zeitalter, das mit der Vernichtung Hiroshimas begann. Die Psychosozialstudie von ERIKA SCHUCHARDT bringt die Notwendigkeit zum Ausdruck, immer wieder an Hiroshima und Tschernobyl zu erinnern. Der Zerfall der zweitgrößten Atommacht hat die Gefahr von neuen Katastrophen dieser Art nicht gebändigt, auch nicht verringert, im Gegenteil, eher verschärft, denn eine schwere Granate oder Luftbombe kann jedes AKW im Osten, das den westlichen Sicherheitsstandards nicht entspricht, zu einer zehnfachen Hiroshima-, zu einer mehrfachen Tschernobylkatastrophe machen. Die Studie von ERIKA SCHUCHARDT ist ein eigenständiges Werk, präzise wissenschaftlich, leidenschaftlich publizistisch und zugleich lyrisch. Diesem Buch wünsche ich möglichst viele Leser, vor allem Staatsmänner, Politiker, Journalisten und alle Menschen guten Willens. Im Lichte der immer noch nicht erloschenen Flammen des Tschernobylreaktors, dessen Opfer immer zahlreicher werden, muss man auch die Ereignisse in Bosnien und in Tschetschenien betrachten. Tschernobyl, das schreckliche
Los der Kinder von Tschernobyl, die heute noch zum Leiden und zu
frühem Tod verurteilt, geboren werden, lehrt eindeutig: Es
gibt keine unantastbaren internen Angelegenheiten in keinem Land,
besonders nicht in solchen, wo ABC-Waffen gelagert sind und AKW’s
unentbehrlich scheinen. Es muss endlich das begriffen und erreicht
werden, wovon ANDREJ SACHAROW träumte, was er vorlebte und
wozu er seine Zeitgenossen aufforderte: Einheit von Wissenschaft,
Politik und Moral. Marmagen, 14. März
1995 LEW KOPELEW |
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"...Schuchardts Nachweis: Kulturschock-These ein Phantom..." Aus Sicht des Außenministers Außenminister Klaus Kinkel, Bonn 1995 Die vorliegende Studie Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl Geschichte einer stillen Revolution, ist die erst empirische Arbeit, die gemeinsam von Menschen aus Weißrussland, der Ukraine und der Bundesrepublik Deutschland entwickelt wurde und 1500 Stimmen rund um Tschernobyl, durch Interviews und Befragungen öffentlich macht. Sie untersucht vorrangig die psychosoziale Problematik strahlengeschädigter Kinder aus der Umgebung von Tschernobyl. Dabei wird auch die "Kulturschock These" aufgegriffen. Es ist ein für die weltweite Diskussion wichtiges Ergebnis dieser wissenschaftlichen Arbeit, dass der "Kulturschock" bei Besuchen im Westen tatsächlich ein "Phantom" ist. Die Studie weist darauf hin, dass durch den Besuch der Kinder von Tschernobyl in deutschen Familien eine kulturelle Begegnung stattgefunden hat, die dazu beiträgt, seelisches Leid zu mildern und verloren gegangenes Zukunftsvertrauen wiederzugewinnen. Frau Prof. Dr. ERIKA SCHUCHARDT zeigt, wie durch ihr persönliches Engagement und ihr eigenständiges Handeln zahlreiche Kontakte zwischen den Gasteltern und Gastgeschwistern in Deutschland und den Herkunftsfamilien in Weißrussland und der Ukraine entstehen konnten. Sie selbst wird dadurch zu einer Botin des Friedens und der Hoffnung. Sie setzt ein Zeichen, und ich möchte sie dabei unterstützen. Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, Lehrer und Schüler sind 10 fahre nach dem schrecklichen Geschehen aufgerufen, Wege zu einer engeren Zusammenarbeit zu suchen. Bonn, 13. August 1995 KLAUS KINKEL |
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"...Diplomaten für weltweite Verbreitung von Schuchardts Tschernobyl-Stimmen..." Gemeinsame
Erklärung der Botschafter von Belarus,
Der 26. April 1986 ist ein schreckliches
Datum: Der Tag, an dem die Katastrophe von Tschernobyl begann. Der
26. April 1986 bedeutet aber auch noch etwas anderes, etwas unendlich
Gutes: Dieser Tag löste eine Bewegung außerordentlich
tatkräftiger Solidarität mit den Opfern der Katastrophe
aus. Unzählige deutsche Bürger, Gruppen von Bürgern,
Gemeinden, ja Bundesländer stellen seitdem ihre tatkräftige
Unterstützung unter Beweis, mit den Opfern bei der Bewältigung
der Katastrophe zusammenzuarbeiten.
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