"...weltweit anerkannte Anwältin für Benachteiligte..."

Die Kinder des 26. April

Sie kamen aus Tschernobyl nach Deutschland. Ein Buch erzählt ihre Geschichte
Von Walter Jens, 1996

Nein, ein Erinnerungsdatum, das sich in unser Bewußtsein eingeprägt hat, ist der 26. April 1986 gewiß nicht: kein Tag wie der 6. und der 9. August 1945, als die Bomben "Little Boy'" und "Fat Man" über Hiroshima und Nagasaki gezündet wurden. Den Atompilz haben wir vor Augen, das Innere des Kernkraftwerks von Tschernobyl nicht. Wir sehen die Fliegen auf den Zungen der Sterbenden, die Narbenwucherungen am Rücken der Opfer von Hiroshima – aber wie sahen die weißrussischen Techniker aus, die Liquidatorcn, die den Reaktor in einen Sarkophag aus Beton und Stahl einhüllen mußten und elendig starben? Und die zwei Millionen, verseucht und fürs Leben gezeichnet: wer erinnert sich ihrer mit der gleichen Anschaulichkeit wie der Menschen in den Massengräbern? Und dann die Kinder, geborene und ungeborene, die verurteilt worden sind, nach dem 26. April, als seien sie schuldig!

Tschernobyl. das ist der "Feuerofen", der "Sarg", der "Zornkelch Gottes" und die "Schale des Bitterweins". Wenn das Biblische, vor allem aber die Offenbarung des Johannes, ins Russische transponiert wird. "Tschernobyl" ist ein brennender Reaktor, ein Stück Materie, das die Opfer des atomaren GAUs verbirgt, in seiner Monstrosität und Explosionskraft. Und die Menschen ringsum?

In dieser Lage, da die Erinnerung an die Opfer von Jahr zu Jahr schwächer wird und die sowjetischon Vertuschungs- und Beschönigungspraktiken von damals gerade heute – "kaum mehr als ein Busunfall" - zu triumphieren drohen, kommt ein Buch, das die Pädagogin und Politikerin
Erika Schuchardt, eine um der Fürsorge für die Benachteiligten in aller Weit willen hochverdiente Frau, gemeinsam mit Lew Kopelew herausgegeben hat, genau zur rechten Zeit. Hier geht es, im Blick auf Tschernobyl, um Kinder, die auf der Strecke bleiben könnten. weil sie vergessen sind. Hier werden - nüchtern, exakt und dokumentarisch - die großen Veränderungen in den Krisengebieten beschrieben: somatische und psychische Erkrankungen, grassierende Hoffnungslosigkeit, Resignation, eine Existenz im Niemandsland. Vor zehn Jahren brach etwas ab, was, zumindest für die Älteren, nicht mehr zu reparieren ist, Reaktoren lassen sich - für wie lange Zeit? - notdürftig flicken, eine von einer Stunde zur anderen preiszugebende Existenzweise, mit ihrem Alltag, ihren Träumen, Ängsten und Hoffnungen, bleibt nichtiges Stückwerk.

Aber da sind auch die Kinder, denen, selbst in sinistrer Umgebung, eine Alternative aufgezeigt werden kann: Es läßt sich auch anders leben, es gibt, weit entfernt, Freundlichkeit, familiäres Miteinander, das entspannt und lustig sein kann, es gibt Büsche und nicht nur Zäune, offene Weiten statt der Sperrgebiete, gibt einladende Zonen, die inmitten von Drohlandschaften, Achtung, das Gebiet ist verseucht, schon vergessen waren.

"Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl" ist - an der Grenze von empirischer Studie, Fall-Analyse und eindringlicher Beschreibung angesiedelt - so etwas wie ein imperativer Traktat, der die Leser zwingt, sich mehr und mehr nur mit dem Schicksal jener russischen Kinder im Bannkreis von Tschernobyl zu beschäftigen, denen durch einen Aufenthalt in Deutschland gezeigt werden kann: Ja, es gibt Alternativen für euch - denkt daran, wenn ihr wieder zu Hause seid.

Ein billiger Trost? Eine Art von Heimaturlaub, flüchtig und kurz für Menschen, die für wenige Tage der Lebensgefahr entronnen, danach ins Elend zurückkehren müssen? Eine friedliche Gegenwelt - die Schweiz in finsteren Zeiten -, die das triste Anderssein des Alltags daheim um so schmerzhafter erfahren läßt? Wer so denkt - ich tat es auch -, wird sich, dank überzeugender Dokumentationen unterschiedlicher Befragungen, rasch belehren lassen, daß es den "Kulturschock" der aus einem Beinah-Paradies Vertriebenen nicht gibt, sondern daß die Kinder zurückkehren möchten - auch deshalb, um Eltern, Freunde, Nachbarn teilhaben zu lassen an dem, was sie auf ihrer - allzu kurzen - Expedition erfuhren.

Eine Idylle also? Keineswegs. Das Gelingen des Unternehmens ist an drei - höchst reale - Bedingungen geknüpft: Zum ersten müssen die Gasteltern, Geschwister und Verwandten erkennen, daß sie, von kleinen, ihrer bedürftigen Sendboten besucht, die Nehmenden sind und nicht großherzig Gebende, die sich, zumal in Hinblick auf eigene Schuld, einer Bring-Last entledigen. Zum zweiten, wichtiger noch, haben sie bereit zu sein, die Kin
der zu einem Gegenbesuch in deren Heimat begleiten, ohne den Entschluss zum Hin und Zurück, Zurück und wieder Hin, keine Hilfe über den Augenblick hinaus. Und schließlich (im Buch ein wenig zu passager behandelt): Der Besuch der Kinder in Deutschland muss unter der Perspektive des Wiederkommens erfolgen. Übers Jahr, wenn ihr wollt, Pjotr, Tatjana, Galina, seid ihr wieder bei uns. Kein Abschluss also; sondern, idealtypisch zumindest, ein Austausch zwischen Bottrop und Minsk, Gomel und Wasserburg.

Also doch eine Idylle? Nun, die nüchterne, sehr ruhige Sprache der Kinder von Tschernobyl steht dem entgegen: "In Deutschland bleiben will ich nicht, aber ich wünsche mir, daß ich immer wieder einmal dorthin fahren kann, um zu sehen, was und wie sie es dort anders machen. Ich hoffe, daß ich immer wieder kommen darf. Das genügt mir. Aber bleiben und arbeiten möchte ich in meinem eigenen Land."

"Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl" ist, so betrachtet, eine Geschichte, die zeigt, wie viel Fremde, im Dialog zwischen Gleichberechtigten, voneinander lernen, über Generationsschranken hinweg: Der Großvater, der nach Russland ins Feld ziehen musste, zeichnet seiner Adoptivenkelin friedliche Szenerien auf den Malblock - ein guter, etwas sentimentaler Mensch aus Deutschland? Nein, nur ein alter Mann, der nachgedacht hat und eins auf keinen Fall preisgeben möchte: die Gabe, sich anschaulich, genau und Zeichen setzend zu erinnern.

Freilich - darüber hätte ich denn doch gern Genaueres erfahren -, wie verständigt man sich untereinander? Wo wohnen die Vermittler, die unverzichtbaren Hin- und Her-Übersetzer, Nothelfer und Beförderer der stillen Revolution, Slawistinnen aus Frankfurt am Main und Germanisten aus Brest, die Anna und Alexej trösten, wenn sie, in der freundlichen Fremde, doch einmal das Heimweh überkommt - hermeneutische Figuren also, langmütig und beschlagen, die sich einschalten, wenn die Gastfreunde wissen wollen, ob sich Tschernobyl am Ende, wortwörtlich oder metaphorisch, ins Deutsche übertragen lässt - zumindest in jener die einen und die anderen umgreifenden Weise, wie sie Lew Kopelew in seinem Vorwort benennt: "Tschernobyl ... lehrt eindeutig: Es gibt keine unantastbaren internen Angelegenheiten - in keinem Land, besonders nicht in solchen, wo ABC-Waffen gelagert sind und die AKWs unentbehrlich scheinen."

So wie in Russland und Deutschland also - inmitten einer Welt, die, wie Erika Schuchardts behutsam argumentierendes Buch zeigt, den 26. April 1986, im Hinblick auf die Folgen, für ebenso wichtig wie den 6. August 1945 halten sollte.

Erika Schuchardt / Lew Kopelew:
"Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl -
Geschichte einer stillen Revolution"
;
Herder, Freiburg/Basel/Wien 1995; 189 S., 8,40 Euro

 

 

 

"...der Mensch im Mittelpunkt ihrer Arbeit..."

Laudatio zur Buchpräsentation "Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl"
In der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft (DPG), Verleger H.Herder, Bonn 1996

"Überall wo ich auch war, hatte ich ein Bild, nein, viele Bilder, eine ganze Fülle von Bildern. Diese Bilder trage ich in meiner Seele wie in einem Traum. Wissen Sie, ich glaube, ich kann es jetzt so sagen: Aus den Tränen ist ein Traum geworden. "

Was sind das für Bilder? Was sind das für Tränen? Was ist das für ein Traum?

Sie, sehr verehrte Frau Professor Schuchardt, berichten in eindrücklicher Weise von den Betroffenen der Katastrophe vom 26. April l986. Das ist fast auf den Monat 10 Jahre her, und auch aus diesem Anlass findet heute diese Premiere statt. Ich möchte Sie im Namen des Verlages und meiner Mitarbeiter ganz, ganz besonders herzlich begrüßen und freue mich, dass wir heute gemeinsam dieses Werk vorstellen können.

Ich darf Sie, sehr verehrte Frau Präsidentin des Bundestages, liebe Frau SÜSSMUTH, sehr herzlich begrüßen, ebenso Sie, Herr DR. SCHÄUBLE, verbunden mit dem Dank dafür, dass Sie sich beide die Zeit genommen haben, hier zu uns zu kommen und damit Ihr persönliches Interesse an diesem Werk und an den dahinterstehenden Ereignissen zum Ausdruck zu bringen. Sie identifizieren sich durch Ihre Anwesenheit mit dem Anliegen, das Frau Professor SCHUCHARDT stellvertretend für viele, viele Helferinnen und Helfer formuliert hat und nachher persönlich noch vortragen kann. In dem Vorwort zu dem Bändchen, das kein Geringerer als der Russe KOPELEW geschrieben hat, der zu unserem ganz großen Bedauern gestern Abend mitteilen musste, dass er aus gesundheitlichen Gründen sich außerstande sähe zu kommen; er wäre sehr gerne heute hier mit anwesend, schreibt KOPELEW unter anderem, dass „das Werk einen lyrischen Charakter hat. Es sei wissenschaftlich, es sei leidenschaftlich geschrieben, es sei publizistisch verfasst", aber "lyrisch"? frage ich.

Wer dieses Buch liest, der wird bestätigen, dass das eine das andere nicht ausschließt. Das eine ist die präzise wissenschaftliche Darstellung und die Arbeit, die dieser Ausarbeitung zugrunde liegt, das andere die einfühlsame Art und Weise, in der die Autorin dieses Werk niedergeschrieben hat. Wer sich die Mühe macht, die umfängliche Liste Ihrer wissenschaftlichen Publikationen durchzugehen, Frau Professor SCHUCHARDT, der spürt sofort, die Verfasserin ist mehr als nur Wissenschaftlerin. Hier steht der Mensch im Mittelpunkt Ihrer Arbeit. Der Mensch steht im Mittelpunkt des wissenschaftlichen Forschens und Lehrens, aber nicht nur im Bereich der Wissenschaft, sondern er steht auch im Mittelpunkt Ihres menschlichen Handelns. Und darum ist diese Publikation gekennzeichnet nicht nur durch die wissenschaftliche Korrektheit, sondern durch die Sprache des Menschen. Und zwar die Sprache des einfachen Menschen. Und die Sprache des einfachen Menschen ist die Sprache der Bilder.

Der Umgang mit den Bildern ist für die Autorin von großer Bedeutung, das spürt der Leser gleich auf den ersten Seiten. Und ich bin überzeugt, nach der Lektüre des Manuskriptes und jetzt des vorliegenden Buches, dieser Umgang hat die Autorin auch hellsichtiger gemacht. Sie, verehrte Frau Schuchardt, schärfen die Aufmerksamkeit des Lesers durch die Art und Weise, wie Sie schreiben. Ich gestehe vor diesem Forum interessierter und anderer teilnehmender Anwesender gerne, dass mir durch Ihre Publikation einiges deutlich geworden ist. Wenn Sie mir erlauben und wenn der Herr Politiker erlaubt, dass ich ein paar Minuten länger spreche, dann möchte ich das gerne ausführen. Sie zitieren an einer Stelle EINSTEIN, der gesagt hat: Durch die Katastrophe der Atombombe - er bezog sich auf Hiroshima und Nagasaki - habe der Mensch erkannt, dass er an die Grenze des Machbaren gekommen ist. Ich würde das gerne um einen weiteren Aspekt ergänzen. Der Mensch erkennt, dass er an der Grenze des Machbaren ist, aber er lässt nicht vom Machbaren. Das ist eine Urbestimmung und eine Grundbestimmung des Menschen.


In Ihrem – ,unserem' Herder-Bändchen der Spektrum-Reihe sind Worte verwandt und sind Bilder, die aufscheinen: "Feuer von Tschernobyl " und " Tragödien von Tschernobyl " und Ihr beschwörender, immer sich wiederholender Hinweis auf die ungeheure " Gefahr des Gedächtnisverlustes der Menschheit". Wenn ich hier noch einmal Feuer und Tragödien zitiere, dann fällt demjenigen, der die Gelegenheit hatte, sich mit der griechischen Tragödie zu befassen, natürlich sofort ein Urbild ein, das Urbild, das zu den Urbildern der Menschheit überhaupt gehört, nämlich die Tragödie von PROMETHEUS.

Ich erinnere daran, dass PROMETHEUS die Menschen im Dunkeln sah. Auch das Wort dunkel wiederholt sich ständig in Ihrer Publikation. Dass er sich erbarmte dieser Menschen im Dunkeln, und dass er ihnen das Feuer gab. Die Griechen wussten sehr genau, dass der Raub einer Gabe nicht umsonst geschehen war. Der Tätige ist im Falle von PROMETHEUS Selbstversorger. Denn er wurde, wie wir wissen, angekettet an den Felsen des Kaukasus, und ein Adler kam täglich, um ihm seine Leber zu fressen.

Heute in TSCHERNOBYL leidet nicht der Täter, der Titan, sondern es leiden die Unschuldigen. Und die
Unschuldigen haben eine Zahl erreicht, die wir mit Schrecken aus Ihrer Publikation entnehmen. Es
sind wohl eine viertel Million Arbeiter, die an dem, wie Sie es ausdrücken, Sarkophag gearbeitet
haben, nämlich dem verstrahlten Atomkraftwerk. Wir werden das von Ihnen sicher nachher noch
hören, und es sind sicher allein eine halbe Million Kinder, die betroffen sind, von denen inzwischen
die ungewöhnliche Zahl von 70.000 Kindern nach Deutschland gekommen ist. Diese Kinder sind
stellvertretend, und stellvertretend stehen die Helfer auch für die Wiedergutmachung dessen, was
früher geschehen ist und für das die, die diese Hilfe leisten, nichts. können, aber stellvertretend
eintreten für die, die es zu verantworten haben. "Die Dunkelheit", und ich darf zum Schluss noch
einmal Sie selbst zitieren, "ist zwar noch jeden Tag da ", so sagt ein Kind bei einem der Interviews, die
Sie geführt haben. "Die Dunkelheit ist zwar noch jeden Tag da, aber sie hat sich verändert, ,ich’
so sagt das Kind im Gespräch mit Ihnen, „ich sehe in der Dunkelheit einen Engel.“ Und dieses Licht
ist die Hoffnung. Und die Hoffnung steht über dieser Arbeit, die Sie geleistet haben und leisten, sie
steht auch über dem Buch. Wer Ihren Lebenslauf kennt und Ihr Engagement in der Evangelischen
Kirche, im Lutherischen Weltbund und im Ökumenischen Rat der Kirchen, wird nicht verwundert sein, daß das eine Ihrer geheimen Kraftquellen ist.

Ich darf schließen mit einem Zitat, das stellvertretend stehen möge für Ihre Gesinnung, für Ihre Arbeit und für Ihre Publikation: Ein Kind, diesmal aus Deutschland, ein Kind von Gasteltern, die ein solches Kind aus Tschernobyl aufgenommen haben, sagt:

„Tschernobyl, das ist für mich Tatjana und
das ist für mich Tschernobyl.
Tatjana und ich, wir beide gehören doch ganz einfach zusammen,
so wie der Regenbogen.“

Und wie wir, die wir nach schlechtem Wetter gelegentlich den Regenbogen sehen, wissen, das
Kennzeichen des Regenbogens sind die gebündelten Farben, so vertreten Sie gewissermaßen als
Regenbogenbild die gebündelten Kräfte all derjenigen, die an Ihrer großen Aktion teilnehmen. In diesem Sinne möchte ich Sie ganz herzlich alle willkommen heißen.

 

"...Schuchardts Tschernobyl-Stimmen - Mahnung gegen das Vergessen..."

Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels Lev Kopelew, Bonn 1995

 

 

Gedächtnisverlust bei einem einzelnen Menschen ist eine schwer heilbare Krankheit, Amnesie, ein Unglück für den Betroffenen und für seine Angehörigen. Gedächtnisverlust eines Volkes, Amnesie einer Nation, deren politische Leiter, Journalisten, Pädagogen ihre Vergangenheit vergessen, aus welchen Gründen auch immer, verdrängen oder verzerren, bedeutet eine äußerste Gefahr für die Betroffenen, für deren Landsleute und Nachbarvölker.

Tschernobyl ist ein mahnendes Zeichen, es verkündet ein neues Zeitalter, das mit der Vernichtung Hiroshimas begann. Die Psychosozialstudie von ERIKA SCHUCHARDT bringt die Notwendigkeit zum Ausdruck, immer wieder an Hiroshima und Tschernobyl zu erinnern.

Der Zerfall der zweitgrößten Atommacht hat die Gefahr von neuen Katastrophen dieser Art nicht gebändigt, auch nicht verringert, im Gegenteil, eher verschärft, denn eine schwere Granate oder Luftbombe kann jedes AKW im Osten, das den westlichen Sicherheitsstandards nicht entspricht, zu einer zehnfachen Hiroshima-, zu einer mehrfachen Tschernobylkatastrophe machen.

Die Studie von ERIKA SCHUCHARDT ist ein eigenständiges Werk, präzise wissenschaftlich, leidenschaftlich publizistisch und zugleich lyrisch. Diesem Buch wünsche ich möglichst viele Leser, vor allem Staatsmänner, Politiker, Journalisten und alle Menschen guten Willens. Im Lichte der immer noch nicht erloschenen Flammen des Tschernobylreaktors, dessen Opfer immer zahlreicher werden, muss man auch die Ereignisse in Bosnien und in Tschetschenien betrachten.

Tschernobyl, das schreckliche Los der Kinder von Tschernobyl, die heute noch zum Leiden und zu frühem Tod verurteilt, geboren werden, lehrt eindeutig: Es gibt keine unantastbaren internen Angelegenheiten in keinem Land, besonders nicht in solchen, wo ABC-Waffen gelagert sind und AKW’s unentbehrlich scheinen. Es muss endlich das begriffen und erreicht werden, wovon ANDREJ SACHAROW träumte, was er vorlebte und wozu er seine Zeitgenossen aufforderte: Einheit von Wissenschaft, Politik und Moral.
Das ist kein Wunschtraum mehr. Die durch ERIKA SCHUCHARDT laut gewordenen Stimmen aus Tschernobyl beweisen, daß diese Einheit eine Conditio sine qua non ist, entscheidend dafür, daß unser Planet bewohnbar bleibt.

Marmagen, 14. März 1995 LEW KOPELEW

"...Schuchardts Nachweis: Kulturschock-These ein Phantom..."

Aus Sicht des Außenministers

Außenminister Klaus Kinkel, Bonn 1995

Die vorliegende Studie Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl Geschichte einer stillen Revolution, ist die erst empirische Arbeit, die gemeinsam von Menschen aus Weißrussland, der Ukraine und der Bundesrepublik Deutschland entwickelt wurde und 1500 Stimmen rund um Tschernobyl, durch Interviews und Befragungen öffentlich macht. Sie untersucht vorrangig die psychosoziale Problematik strahlengeschädigter Kinder aus der Umgebung von Tschernobyl. Dabei wird auch die "Kulturschock These" aufgegriffen. Es ist ein für die weltweite Diskussion wichtiges Ergebnis dieser wissenschaftlichen Arbeit, dass der "Kulturschock" bei Besuchen im Westen tatsächlich ein "Phantom" ist. Die Studie weist darauf hin, dass durch den Besuch der Kinder von Tschernobyl in deutschen Familien eine kulturelle Begegnung stattgefunden hat, die dazu beiträgt, seelisches Leid zu mildern und verloren gegangenes Zukunftsvertrauen wiederzugewinnen.

Frau Prof. Dr. ERIKA SCHUCHARDT zeigt, wie durch ihr persönliches Engagement und ihr eigenständiges Handeln zahlreiche Kontakte zwischen den Gasteltern und Gastgeschwistern in Deutschland und den Herkunftsfamilien in Weißrussland und der Ukraine entstehen konnten. Sie selbst wird dadurch zu einer Botin des Friedens und der Hoffnung. Sie setzt ein Zeichen, und ich möchte sie dabei unterstützen. Politik und Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, Lehrer und Schüler sind 10 fahre nach dem schrecklichen Geschehen aufgerufen, Wege zu einer engeren Zusammenarbeit zu suchen.

Bonn, 13. August 1995 KLAUS KINKEL

 

"...Diplomaten für weltweite Verbreitung von Schuchardts Tschernobyl-Stimmen..."

Gemeinsame Erklärung der Botschafter von Belarus,
Ukraine und BR Deutschland, Bonn 1995

 

Der 26. April 1986 ist ein schreckliches Datum: Der Tag, an dem die Katastrophe von Tschernobyl begann. Der 26. April 1986 bedeutet aber auch noch etwas anderes, etwas unendlich Gutes: Dieser Tag löste eine Bewegung außerordentlich tatkräftiger Solidarität mit den Opfern der Katastrophe aus. Unzählige deutsche Bürger, Gruppen von Bürgern, Gemeinden, ja Bundesländer stellen seitdem ihre tatkräftige Unterstützung unter Beweis, mit den Opfern bei der Bewältigung der Katastrophe zusammenzuarbeiten.
Es ist verständlich, daß sich Solidarität und Hilfe zunächst vor allem denjenigen Opfern zuwenden, die sich am wenigsten selbst helfen können: den Kindern. Und so wurden Tausende von Tschernobyl-Kindern nach Deutschland eingeladen, lebten in Familien, spielten mit ihren Altersgenossen, tollten im grünen Gras, erholten sich einige Wochen unbeschwert von der psychischen Last des Lebens in ihrer radioaktiv verpesteten Heimat.
Es ist geradezu absurd, daß gewisse Kreise die Einladung von Kindern mit dem Argument zu unterbinden suchen, die Kinder seien nach der Rückkehr in ihre Heimat einem “Kulturschock“ ausgesetzt, der zu einer Beschädigung ihrer Seele führe. Vermutlich ist es manchen Leuten nicht recht, daß die Kinder mit einem anderen, positiven Bild vom Leben in Deutschland und von den Deutschen zurückkommen als es eine politische Propaganda über lange Jahre zeichnete. Aber es ist müßig über die Motive der Widersacher zu spekulieren, sie sind sicher vielfältigerer Art.
Wir, die Botschafter, haben aber nicht den Eindruck gewonnen, als hätten die Kinder nach der Rückkehr in ihre Heimat einen für sie nicht verkraftbaren “Kulturschock“ erlitten. Aber das war bisher nur der “Eindruck“ von Diplomaten, den sie im einzelnen nicht belegen konnten. Es ist deshalb von großem Nutzen und außerordentlich wichtig, daß diese Studie von Prof. Dr. ERIKA SCHUCHARDT erarbeitet wurde, die die Kulturschockbehauptung anhand von hunderten von Beispielen überzeugend widerlegt. Wir haben auf diese Dokumentation der Stimmen aus Tschernobyl schon lange gewartet, wir brauchen sie und werden sie weltweit verbreiten.
Allein die Bezeichnung “Kulturschock“ ist ja schon schief und zeigt, wie schlampig die Widersacher arbeiten. Wenn, dann müßte man wohl eher von einem “Zivilisations-Schock“ sprechen, wenn auch gleichfalls unzutreffend.
Wohlgemerkt, wir wollen hier nicht behaupten, daß sich die Kinder nur im Ausland erholen sollten, das wäre unvernünftig. Ebenso wichtig ist es, daß in der Republik Belarußland und in der Ukraine selbst Zentren entstehen, in denen sich Kinder erholen können, so wie etwa das Zentrum Nadeschda (“Hoffnung“) bei Minsk und andere Initiativen rund ums Kind. Die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl sind zu schrecklich, als man bei der Zusammenarbeit zur Überwindung ihrer Folgen auch nur irgendeine Möglichkeit ungenutzt lassen darf.
Tschernobyl hat in Deutschland eine breite Bewegung der Solidarität, der Hilfe und Zusammenarbeit, der menschlichen Kontakte, gegenseitigen Verständnisses, ja der Freundschaft entstehen lassen. Der Elan läßt nicht nach. Die Stärke der Bewegung nimmt eher noch weiter zu. Darum trifft ERIKA SCHUCHARDT´s Aussage zu: “Die stille Revolution der Kinder von Tschernobyl.“ So ist an der Basis der Völker eine mächtige Friedensbewegung entstanden. Die Basis der Völker verwirklicht bereits das, was sich die Regierungen zum langfristigen Ziel gesetzt haben: Gute Nachbarschaft, Zusammenarbeit, gegenseitiges Verständnis, Versöhnung, Freundschaft.

ALEXANDER RUCHLIJA
Gesandter der Republik
Belarußland in der
Bundesrepublik Deutschland
GOTTFRIED ALBRECHT
Botschafter der
Bundesrepublik Deutschland
in der Republik Belarußland
YURIY KOSTENKO
Botschafter der Ukraine
in der BundesrepublikDeutschland
DR. ALEXANDER ARNOT
Botschafter der
Bundes
republik Deutschland
in der Ukraine

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