
Die Kinder des 26. April
Sie kamen aus Tschernobyl nach Deutschland. Ein Buch erzählt
ihre Geschichte
Von Walter Jens (Die Zeit, 26. April 1996)
Nein, ein Erinnerungsdatum, das sich
in unser Bewußtsein eingeprägt hat, ist der 26. April
1986 gewiß nicht: kein Tag wie der 6. und der 9. August
1945, als die Bomben "Little Boy'" und "Fat Man"
über Hiroshima und Nagasaki gezündet wurden. Den Atompilz
haben wir vor Augen, das Innere des Kernkraftwerks von Tschernobyl
nicht. Wir sehen die Fliegen auf den Zungen der Sterbenden, die
Narbenwucherungen am Rücken der Opfer von Hiroshima –
aber wie sahen die weißrussischen Techniker aus, die Liquidatorcn,
die den Reaktor in einen Sarkophag aus Beton und Stahl einhüllen
mußten und elendig starben? Und die zwei Millionen, verseucht
und fürs Leben gezeichnet: wer erinnert sich ihrer mit der
gleichen Anschaulichkeit wie der Menschen in den Massengräbern?
Und dann die Kinder, geborene und ungebetene, die verurteilt worden
sind, nach dem 26. April, als seien sie schuldig!
Tschernobyl, das ist der "Feuerofen", der "Sarg",
der "Zornkelch Gottes" und die "Schale des Bitterweins".
Wenn das Biblische, vor allem aber die Offenbarung des Johannes,
ins Russische transponiert wird. "Tschernobyl" ist ein
brennender Reaktor, ein Stück Materie, das die Opfer des
atomaren GAUs verbirgt, in seiner Monstrosität und Explosionskraft.
Und die Menschen ringsum?
In dieser Lage, da die Erinnerung an die Opfer von Jahr zu Jahr
schwächer wird und die sowjetischen Vertuschungs- und Beschönigungspraktiken
von damals gerade heute – "kaum mehr als ein Busunfall"
- zu triumphieren drohen, kommt ein Buch, das die Pädagogin
und Politikerin Erika Schuchardt,
eine um der Fürsorge für die Benachteiligten in aller
Weit willen hochverdiente Frau, gemeinsam mit Lew Kopelew herausgegeben
hat, genau zur rechten Zeit. Hier geht es, im Blick auf Tschernobyl,
um Kinder, die auf der Strecke bleiben könnten, weil sie
vergessen sind. Hier werden - nüchtern, exakt und dokumentarisch
- die großen Veränderungen in den Krisengebieten beschrieben:
somatische und psychische Erkrankungen, grassierende Hoffnungslosigkeit,
Resignation, eine Existenz im Niemandsland. Vor zehn Jahren brach
etwas ab, was, zumindest für die Älteren, nicht mehr
zu reparieren ist, Reaktoren lassen sich für wie lange Zeit?
- notdürftig flicken, eine von einer Stunde zur anderen preiszugebende
Existenzweise, mit ihrem Alltag, ihren Träumen, Ängsten
und Hoffnungen, bleibt nichtiges Stückwerk.
Aber da sind auch die Kinder, denen, selbst in sinistrer Umgebung,
eine Alternative aufgezeigt werden kann: Es läßt sich
auch anders leben, es gibt, weit entfernt, Freundlichkeit, familiäres
Miteinander, das eutspannt und lustig sein kann, es gibt Büsche
und nicht nur Zäune, offene Weiten statt der Sperrgebiete,
gibt einladende Zonen, die inmitten von Drohlandschaften, Achtung,
das Gebiet ist verseucht, schon vergessen waren.
"Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl"
ist - an der Grenze von empirischer Studie, Fall-Analyse und eindringlicher
Beschreibung angesiedelt - so etwas wie ein imperativer Traktat,
der die Leser zwingt, sich mehr und mehr nur mit dem Schicksal
jener russischen Kinder im Bannkreis von Tschernobyl zu beschäftigen,
denen durch einen Aufenthalt in Deutschland gezeigt werden kann:
Ja, es gibt Alternativen für euch - denkt daran, wenn ihr
wieder zu Hause seid.
Ein billiger Trost? Eine Art von Heimaturlaub, flüchtig und
kurz für Menschen, die, für wenige Tage der Lebensgefahr
entronnen, danach ins Elend zurückkehren müsscn? Eine
friedliche Gegenwclt - die Schweiz in finsteren Zeiten -, die
das triste Anderssein des Alltags daheim um so schmerzhafter erfahren
läßt? Wer so denkt - ich tat es auch -, wird sich,
dank überzeugender Dokumentationen unterschiedlicher Befragungen,
rasch belehren lassen, daß es den "Kulturschock"
der aus einem Beinah-Paradies Vertriebenen nicht gibt, sondern
daß die Kinder zurückkehren möchten - auch deshalb,
um Eltern, Freunde, Nachbarn teilhaben zu lassen an dem, was sie
auf ihrer - allzu kurzen -Expedition erfuhren.
Eine Idylle also? Keineswegs. Das Gelingen des Unternehmens ist
an drei - höchst reale - Bedingungen geknüpft: Zum ersten
müssen die Gasteltern, Geschwister und Verwandten erkennen,
daß sie, von kleinen, ihrer bedürftigen Sendboten besucht,
die Nehmenden sind und nicht großherzig Gebende, die sich,
zumal in Hinblick auf eigene Schuld, einer Bring-Last entledigen.
Zum zweiten, wichtiger noch, haben sie bereit zu sein, die Kinder
zu einem Gegenbesuch in deren Heimat begleiten, ohne den Entschluss
zum Hin und Zurück, Zurück und wieder Hin, keine Hilfe
über den Augenblick hinaus. Und schließlich (im Buch
ein wenig zu passager behandelt): Der Besuch de Kinder in Deutschland
muss unter der Perspektive des Wiederkommens erfolgen. Übers
Jahr, wenn ihr wollt, Pjotr, Tatjana, Galina, seid ihr wieder
bei uns. Kein Abschluss also; sondern, idealtypisch zumindest,
ein Austausch zwischen Bottrop und Minsk, Gomel und Wasserburg.
Also doch eine Idylle? Nun, die nüchterne, sehr ruhige Sprache
der Kinder von Tschernobyl steht dem entgegen: "In Deutschland
bleiben will ich nicht, aber ich wünsche mir, daß ich
immer wieder einmal dorthin fahren kann, um zu sehen, was und
wie sie es dort anders machen. Ich hoffe, daß ich immer
wieder kommen darf. Das genügt mir. Aber bleiben und arbeiten
möchte ich in meinem eigenen Land."
"Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl" ist, so betrachtet,
eine Geschichte, die zeigt, wie viel Fremde, im Dialog zwischen
Gleichberechtigten, voneinander lernen, über Generationsschranken
hinweg: Der Großvater, der nach Russland ins Feld ziehen
musste, zeichnet seiner Adoptivenkelin friedliche Szenerien auf
den Malblock - ein guter, etwas sentimentaler Mensch aus Deutschland?
Nein, nur ein alter Mann, der nachgedacht hat und eins auf keinen
Fall preisgeben möchte: die Gabe, sich anschaulich, genau
und Zeichen setzend zu erinnern.
Freilich - darüber hätte ich denn doch gern Genaueres
erfahren -, wie verständigt man sich untereinander? Wo wohnen
die Vermittler, die unverzichtbaren Hin- und Her- Übersetzer,
Nothelfer und Beförderer der stillen Revolution, Slawistinnen
aus Frankfurt am Main und Germanisten aus Brest, die Anna und
Alexej trösten, wenn sie, in der freundlichen Fremde, doch
einmal das Heimweh überkommt - hermetische Figuren also,
langmütig und beschlagen, die sich einschalten, wenn die
Gastfreunde wissen wollen, ob sich Tschernobyl am Ende, wortwörtlich
oder metaphorisch, ins Deutsche übertragen lässt - zumindest
in jener die einen und die anderen umgreifenden Weise, wie sie
Lew Kopelew in seinem Vorwort benennt: "Tschernobyl ... lehrt
eindeutig: Es gibt keine unantastbaren internen Angelegenheiten
- in keinem Land, besonders nicht in solchen, wo ABC-Waffen gelagert
sind und die AKWs unentbehrlich scheinen."
So wie in Russland und Deutschland also - inmitten einer Welt,
die, wie Erika Schuchardts behutsam argumentierendes Buch zeigt,
den 26. April 1986, im Hinblick auf die Folgen, für ebenso
wichtig wie den 6. August 1945 halten sollte.