
Plenarprotokoll 13/101
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
101. Sitzung
Bonn, Donnerstag, den 25. April 1996
Inhalt:
Beschlußempfehlung und Bericht des Ausschusses für Umwelt,
Naturschutz und Reaktorsicherheit zu der Unterrichtung durch die
Bundesregierung: Umweltradioaktivität und Strahlenbelastung
im Jahr 1994 (Drucksachen 13/2287,13/2790 Nr. l~ 13/44 10)
Vizepräsident Dr. Burkhard Hirsch:
Ich erteile das Wort der Abgeordneten Frau Professor Erika Schuchardt.
Dr. Erika Schuchardt
(CDU/CSU): Herr Präsident! Verehrte Parlamentskollegen!
Liebe Zeitzeugen! Gibt es wohl ein geeigneteres Forum als unser
Parlament, den Stimmen der von Tschernobyl betroffenen Menschen
öffentlich Gehör zu verschaffen? Diese Stimmen sind es,
die in allen - teilweise absurden -Zahlenspielen um Opfer oft ungehört
verhallen. Aus den Leiden dieser Menschen entspringt unsere Sorge
um die Sicherheit der Reaktoren im Osten, mit denen sich die vorausgegangenen
Redner in ihren Beiträgen befaßt haben.
Der Entschließungsantrag der Koalition konnte auf diese Frage
noch nicht im einzelnen eingehen. Darum bestand bei uns Einigkeit
darüber, daß ich im Namen der CDU/CSU–Fraktion
innerhalb der Plenardebatte auf dieses Thema eingehe. Um das in
Solidarität mit den betroffenen Menschen von Tschernobyl zu
tun, teile ich meine Redezeit und leihe ihnen vorübergehend
meine Stimme.
Da ist Tatjana, ein 14jähriges Mädchen
aus Belynitschy, Weißrußland:
Das Grausamste ist für mich die Veränderung
meiner Eltern: Sie sind so seltsam geworden, sie sitzen da, als
wären sie überhaupt nicht da, apathisch, krank, desorientiert,
ängstlich, unsicher, ohne Vertrauen, ohne Hoffnung. Wissen
Sie, sie wurden zu oft belogen. Sie warten, aber sie wissen nicht,
worauf sie warten, sie haben vergessen, daß niemand auf
sie wartet.
Eine Frau aus Gomel, Weißrußland,
Mutter von vier Kindern, 45 Jahre alt:
Wissen Sie, das Schlimmste im Leben ist das
Gefühl, falsch informiert, getäuscht, belogen und schließlich
vergessen zu sein. Dazu kommt das Verlassensein – auch von
den eigenen Freunden, die, Sie wissen es ja, umgesiedelt worden
sind. Wir, die wir geblieben sind, kommen uns vor wie lebendig
begraben. Verstehen Sie, darum brauchen wir Hoffnung. Eine Fahrt
ins Ausland ist wie ein Licht, das dort angezündet wird,
und das, wenn es wieder zurückkommt, die Dunkelheit erhellt.
Ein 17jähriges Mädchen, Irina aus Mogilev:
... wir verraten unseren Jungen nicht, von
woher wir kommen. ..., sonst würde keiner von ihnen mit ,so
einer‘ so einfach ,gehen‘ ..., Geschweige denn es
mit solch einer ,ernst meinen‘ ... Die meinen, wir würden
sie beim Küssen anstecken ... und natürlich später
Mißgeburten zur Welt bringen ...
Eine Schulklasse in Deutschland sagte im Rahmen
eines deutsch-französischen Jugendaustausches kurzfristig die
geplante Begegnung mit der belarussischen Gruppe ab. Die Begründung:
Die Angst vor radioaktiver Ansteckung durch die belarussischen Kinder
ist so groß, daß wir jede Begegnung vermeiden wollen.
Diese Stimmen der Kinder und ihrer Eltern aus Tschemobyl sowie aus
Deutschland sind Mosaiksteine dessen, was ich als Erkenntnisse aus
über 1500 Befragungen und Interviews in den letzten sechs Jahren
meiner Forschungsarbeit rund um Tschernobyl gewonnen habe. Ich war
in den entlegensten Dörfern Weißrußlands und der
Ukraine, habe mit den Menschen Tisch und Ofenbett geteilt, um Verdrängtes,
ja Verborgenes wieder ans Licht zu bringen.
Die wichtigste Erkenntnis: Unabhängig von allen faktischen
Zahlen besteht ein lebenslang vorhandener psychosozialer Streßfaktor,
ausgelöst durch den Reaktorunfall, der unerbittlich forderte,
mit Tschernobyl leben zu lernen. Insofern unterscheidet sich Tschernobyl
deutlich von anderen Katastrophen. Es handelt sich nicht um eine
punktuelle, sondern um eine lebenslange permanente Katastrophe.
Dieser psychosoziale Streßfaktor ist erstmalig vor zwei Wochen
auf der internationalen Tschernobyl-Konferenz in Wien – ausgerichtet
von IAEO, WHO und EU – definiert und anerkannt worden, und
zwar als die eigentlich grausame Hinterlassenschaft. Frau Ministerin
Merkel hat sich diese Erkenntnis in ihrer Abschlußrede dankenswerterweise
zu eigen gemacht und festgestellt, daß die Auswirkungen des
Unglücksfalls im gesellschaftlichen Bereich bisher unterschätzt
worden sind.
Vor diesem Hintergrund ist der vorliegende Entschließungsantrag
ein erster Schritt, Ich wünsche mir, daß es uns gelingt,
daß wir in allen zuständigen Gremien die notwendigen
komplementären Schritte zur lebensverändernden psychosozialen
Hilfe konkretisieren; denn angesichts des Streßfaktors können
die Menschen nicht warten, bis ihre physische Gesundheit wiederhergestellt
ist, um dann erst an die Verarbeitung ihrer psychosozialen Krise
zu denken.
Sie brauchen nicht länger den Fisch, sie brauchen die Angel
und Menschen, die sie angeln lehren wollen. Sie brauchen vorrangig
Konzepte einer psychosozialen Hilfe durch Begegnung, Bildung und
Begleitung, und zwar analog, auswärtiger Kulturpolitik selbstverständlich
nicht länger als eine Einbahnstraße von West nach Ost,
sondern als Doppelbahnstraße, als Austauschprogramme zwischen
Kindern mit ihren Familien und mit allen Menschen guten Willens.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)
Der in diesem Zusammenhang oftmals leichtfertig
zitierte Kulturschock, von dem angeblich jene Kinder aus Tschernobyl
bei ihren Aufenthalten im Westen betroffen werden sollen, ist ein
Phantom; ein Phantom der künstlichen Mauern in den Köpfen
derer, die statt möglicherweise systemverändernder Begegnung
ausschließlich die Devisen im Land sehen wollen.
Vizepräsident
Dr. Burkhard Hirsch: Frau Kollegin, Sie müssen zum Schluß
kommen.
Dr. Erika Schuchardt
(CDU/CSU): Unmißverständlich bezeugen sie das
Gegenteil: keinen Kultur–Schock, sondern einen Kultur–Anstoß.
Ich schließe mit einem Dank an die Gasteltern
in Deutschland, die 70 000 Kindern Herz und Haus geöffnet haben,
und mit einem Dank an die Kinder von Tschernobyl, die als kleine
Botschafter zu uns nach Deutschland gekommen sind. Sie sind eine
lebendige Mahnwache gegen das Vergessen, Verschleiern und Verdrängen
– sie mahnen auch uns.
Danke.
(Beifall im ganzen Hause)
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